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EIMER
Übersetzung: René Schwettge


Er hatte gelesen, dass ein deutscher Wissenschaftler Transplantationen an Affen durchgeführt hatte und als Nächstes plante sich menschlichen Freiwilligen zuzuwenden. Er dachte darüber und über einige andere Dinge nach, bis er davon fasziniert war. Es kostete ihn eine weitere Minute zu entscheiden wie herum die Dinge zu sein hätten. Dann ging er in die Küche, um den Kühlschrank zu holen. Zurück in seinem Zimmer nahm er die Drähte und Röhren ab die den Motor mit dem Gefrierfach verbunden hatten. Dann gab Er die Kühlelemente mit improvisierten Verlängerungen in den Zinneimer, der Kohlen entledigt und mit Wasser befüllt hatte. Er drehte die Heizung ab, zog bis auf zwei Hüte seine komplette Wintergarderobe an, bevor er dem frostigen Morgen alle Fenster öffnete und nach einem Rettungswagen telefonierte. Er kniete vor dem Eimer und nach einem Augenblick der Besinnung steckte er seinen Kopf hinein.

Es dauerte viel länger als errechnet den Eimer und seinen Kopf zu einer gefrorenen Einheit werden zu lassen. Ruhe bewahren, alles was er zu tun hätte war die Zeit abzuwarten bis das Rettungsteam käme. Er war etwas überrascht sich an diesem Punkt noch bei Bewusstsein zu finden. Er kam zu der Annahme, dass es so schlecht nicht wäre den Ereignissen folgen zu können und den Ärzten – schriftlich – mitzuteilen was er von ihnen erwartete. Sein Rücken schmerzte furchtbar, also setzte er sich auf. In dieser Bewegung zerbarsten die spröde gefrorenen Kabel und Röhrchen wie eine kleine Salve Gewehrfeuer, die er nicht hörte. Er reckte die Knochen und streckte die Glieder im Kampf um Bequemlichkeit – es war unmöglich, also legte er einen Reggae auf. Er drehte ihn voll auf, bis er sich einbildete ihn zu hören; dann, etwas fröstelnd rollte er in die Küche um sich eine Tasse Kaffee zu machen. Nicht in der Lage die Milch zu finden, schlug er den Eimer ungefähr dort wo seine Stirn gewesen sein könnte und versuchte – erfolglos – `ich kann doch gar nicht trinken` zu sagen. Nachdenklich durchquerte er die Wohnung, bis er gegen den Schaukelstuhl stieß und sich schwer darin fallenließ. Allen Zeitsinns beraubt, war er nun doch überzeugt, dass die Rettungsmannschaft zu spät war. Er versuchte sich zu erinnern, ob die angegebene Adresse vielleicht zu unpräzise war, doch die Geradlinigkeit seiner Gedanken schienen unter einer Welle des Tiefenrauschs (Taucherkrankheit, Caisse-krankheit) begraben. Klar, es gab nichts weiter zu tun als zu versuchen sich zurückzulehnen und ruhig abzuwarten. Der Schlüssel ist Meditation erkannte er, also begab er sich auf den Teppich und in die unsterbliche Pose.

Mit unmessbar viel (Be)Denkzeit zur Verfügung überdachte er seine Plan – in der Tat - erneut. Ursprünglich hatte er gehofft seinen Kopf zu behalten und seinen Körper, der ihm schon immer nur ein alarmierendes Hindernis war loszuwerden. Plötzlich – unter dem Einfluss einer mahlenden Migräne – entscheidend, dass es andersherum doch sinnvoller wäre, machte er sich bereit seinen Kopf gänzlich zu verlieren, mit Eimer und allem. Als Amerikaner wusste er wo die Knarre hing. Schließlich fand er sie auch und leerte beide Läufe in den Eimer. Die Kugeln drangen nicht mal bis zu seinem Ohr. Drastischere Mittel waren nun gefragt. Er ging auf den Balkon und sprang kopfüber aufs Trottoir, das Pflaster brechend, nicht den Schädel. Benommen fand er auf die Füße und folgte ihnen instinktiv auf die Hauptstraße, auf der er niederkniete und seinen Eimer auf die erste Straßenbahnschiene legte, die ihm unterkam. Die bald herannahende Bahn fühlte er mehr als das er sie hörte, doch die Befriedigung des Aufpralls erfuhr er nie. Und zwar weil der Straßenbahnfahrer sehr gut sehen konnte im hellen Tageslicht und ca. achtzehn Meter vor dem Ziel zum Halten kam. Der Fahrer rief die Polizei, die, als sie eintraf, sofort einen Rettungswagen rief. Der Rettungswagen brauchte zweieindreiviertel Minuten, derweil hatten sich eine größere Menge Passanten und ein Radio Nachrichtenteam versammelt. Der Patient wurde stabil hinten eingeladen, während er gestikulierend und um sich tastend nach Papier und einem Schreibgerät signalisierte. Er wünschte zu erklären, dass sein Hirn – ungeachtet des Eises – völlig überhitzt und dass er plötzlich taub und sehr, sehr durstig sei.

Nach einer unerträglichen, schier endlosen Fahrt, erfuhr er doch noch Linderung, als er unten durch eine hammergleiche Nadel gestochen gründlich sediert wurde. In der Tat, er schlief einen sorglosen Schlaf. Er trieb erstmalig in ein Zeitalter der Harmonie seines Gehirns mit sich selbst, seinem gewichtslosen Körper und all den hübsch bunten Elementen, die das Universum dekorierten. Er erwachte vierzehn Monate und neun Tage später. Die Migräne war beinahe verschwunden. Ein glatzköpfiger Doktor, drei andere Doktoren, sechzehn Studenten, fünf Kamerateams und eine schwangere Schwester standen, auf ihn runterlächelnd, in einem formellen Halbkreis um sein Bett. Das war kurz bevor er seine Augäpfel soweit bewegen konnte, die Körperteile zu entdecken, die sich unter ihm ausbreiteten. Diese Teile, die gleichzeitig lümmelten und zuckten waren mit eigenartigen metallischen Bändern ans Bett geschnallt. Sodann war es ihm möglich diese Augäpfel in seinen Kopf zurückzudrehen und eine undeutliche Bemerkung zu lallen. Seiner alten Zunge entsprechend. Obgleich acht Millionen alter Damen erröteten, schien die Versammlung im Ganzen hocherfreut. Besonders die schwangere Schwester zeigte Mitgefühl, führte einen Becher kalten Wassers, mit Zitronenscheibe und Eiswürfel, an seine nunmehr gefühllosen Lippen. Alles und jeder Teil seines Gesichts bis zum Adamsapfel – eigentlich der Adamsapfel am meisten – prickelte und zuckte im Sperrfeuer der Nadeln und Kanülen. Und wirklich, so ging es auch seinem Gehirn, das sich im Schädel schüttelte, als wäre es nach einer durchzechten Nacht, auf einer schneebedeckten Parkbank, unsanft aus komatösem Schlummer erwacht. Mit dem Nicken eines großen Mannes in braunem Anzug löste die Schwester einige Bänder. Das war wirklich ein Akt der Gnade. Er war endlich in der Lage – dem Himmel sei Dank – zu kratzen, mittels einem gummigleichen schwarzen Mittelfinger; ein grauenhaftes Jucken, dass tief zwischen den Haaren eines ansonsten nackten Schenkels saß.

Der Eimer erfuhr ein edleres Schicksal. Zu verbeult und verbogen für einen weiteren Gebrauch als Eimer, wurde er auf einem Schrottcontainer als Teil eines historischen Hilfskonvois nach Afrika verschifft. Eigentlich war der Schrottcontainer das Flaggschiff des Konvois und der erste, der an seinem exotischen Ziel anlegte. Der Eimer, geschmückt mit Bändern und gefüllt mit Blumen, war das erste Gut das entladen wurde, inmitten von Liedern aus tausend schimmernd-schwarzen Kehlen. Zusammen mit abgegebenen Waffen feierlich von gliedlosen Frauen und Kindern eingeschmolzen, wurden daraus Siegorden für die Helden der gegnerischen Guerillaarmeen.


Drawing by SOPHIE WOODS